Warum Fahrer aus Drittstaaten den Fahrermangel nicht lösen
Der aktuelle Bericht des Soester Anzeigers über eine Spedition, die Fahrer von den Philippinen anwirbt, zeigt dabei eigentlich nur eines: Der Druck in der Branche ist inzwischen so groß, dass Unternehmen neue Wege gehen müssen. Die eigentliche Frage ist aber nicht, woher die Fahrer kommen – sondern warum so viele hier den Beruf verlassen haben.
Dass wir einen Fahrermangel haben, dürfte mittlerweile selbst der letzte Fuhrunternehmer bemerkt haben. Die Gründe sind vielschichtig und nicht auf nur ein lösbares Problem zu reduzieren.
Und bevor jetzt wer kommt: „Dann zahle ich halt mehr Geld, dann kommen die schon …“ – irrt sich. Denn der Lohn ist nur eines von vielen Problemen.
Stellenanzeigen: Viel Versprechen, wenig Substanz
Wenn man sich heute die Stellenanzeigen für Fahrer anschaut, dann sind diese doch alle ziemlich gleich.
Selbst große Speditionen, wo der Dispo kaum die Fahrer beim Namen kennt, werben mit familiären Verhältnissen, „leistungsgerechter Bezahlung“, irgendwelchen nicht näher definierten „Zusatzleistungen“ und als Benefits werden oft ein eigener moderner LKW genannt. Also Dinge, die eigentlich selbstverständlich sein sollten – und keine Benefits.
Dazu dann noch die ausgewiesenen Nettolöhne bei LK 1 von Summe XY.
Doch die eigentlichen Probleme werden dadurch nicht gelöst. Um mal ein paar zu nennen:
- Situation an den Rampen
- fehlende Parkplätze
- fehlende Wertschätzung durch Speditionen und Kunden
- permanenter Zeitdruck
- Wartezeiten ohne Planbarkeit
- sanitäre Bedingungen unterwegs
- Löhne, bei denen am Ende des Geldes noch viel Monat übrig ist
Solange sich an den Bedingungen nichts ändert, wird sich auch am Fahrermangel nichts ändern
Es wird sich nichts ändern, solange die Herren Spediteure nicht endlich mal etwas für die Fahrer machen. Und das nicht alleine, denn auch wir Fahrer sind hier gefragt. Doch statt dass man sich mit anderen zusammenschließt, wird sich eher gegenseitig die Butter vom Brot genommen – und am Ende fehlen immer noch Fahrer.
Ich selbst fahre nun schon seit über 30 Jahren, viel davon im internationalen Fernverkehr, teilweise mit Löhnen, bei denen ich nicht wusste, wie ich nach der ersten oder auch zweiten Woche meine Familie ernähren sollte. Lohnerhöhungen gab es nur dann, wenn man sich einen besser bezahlten Job gesucht hat. Und wenn es nur 10 € mehr im Monat waren.
Alltag im Güterverkehr: Was viele Fahrer wirklich erleben
An den Rampen bist du als Fahrer nicht selten der letzte Depp vom Dienst, musst gerade bei manchen großen Handelsketten die Paletten ins Hochregal einlagern, aber vorher bloß die Folie entfernen, sonst nimmt der Computer die Palette nicht. Und wehe, die Palette ist irgendwie beschädigt, dann darfst du umpacken.
Oder wenn das nicht der Fall ist, gibt es auch die eine oder andere Warenannahme, wo du als Fahrer die Ware sortenrein in die Reihe stellen sollst. Quasi wie Aschenputtel die Erbsen sortieren musste.
Fahrermangel in der Politik: Viel diskutiert, wenig verändert
Es gab in der Vergangenheit auch auf politischer Ebene den einen oder anderen Runden Tisch beziehungsweise mehrere Anhörungen im Verkehrsausschuss des Deutschen Bundestages. Im Zeitraum von Mai 2022 bis in den Sommer bzw. Herbst 2023 wurde dort – unter anderem unter Leitung des inzwischen verstorbenen SPD-Politikers Udo Schiefner – über die Situation in der Branche gesprochen. Thema waren unter anderem die „Arbeitsbedingungen von Berufskraftfahrerinnen und Berufskraftfahrern sowie wirksame Maßnahmen gegen den Fahrer:innen- bzw. Fahrermangel“.
Die Probleme lagen also längst auf dem Tisch. Politik, Verbände und Unternehmen wussten durchaus, woran es in der Branche hakt. Umso ernüchternder ist die Frage: Was hat sich für viele Fahrer im Alltag eigentlich wirklich verbessert?
Nein, nichts. Wie immer eigentlich. Der Arbeitgeberverband BGL (Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung e. V.) war ebenfalls anwesend, ebenso einige Fahrer, die über die Situation für uns Fahrer da draußen berichtet haben.
Der Vorsitzende Dr. Engelhardt hat da also mitbekommen, welche Probleme wir Fahrer bspw. an den Rampen haben, ebenso die DIHK (Deutsche Industrie- und Handelskammer). Man hätte den Angehörigen dieser Verbände also durchaus nahelegen können, dass sich in deren Praxis etwas ändern sollte.
Doch wie man merkt: Im Jahre 2026 hat sich immer noch nichts geändert. Viele Fahrer sind froh, nach XX Jahren den Job nicht mehr auszuüben oder weil sie etwas anderes gefunden haben, wo sie besser dran sind.
Warum ich das als Fahrer so sehe
Gut, ich bin da ehrlich: Ich selbst bin seit nunmehr sieben Jahren ebenfalls nicht mehr im Speditionsbereich tätig, habe die Fahrerei dennoch nicht an den Nagel gehängt. Ich fahre jetzt nur etwas anderes: Holz. Das Zeug aus dem Wald, das da so rumsteht, dafür sorgt, dass unser CO₂ gebunden und unsere Luft zum Atmen produziert wird.
Ich habe diese Probleme also eigentlich nicht. Dennoch bekomme ich sie regelmäßig mit und ich finde es eigentlich schade, dass die Herren Spediteure lieber den Weg gehen, Fahrer aus Drittstaaten zu holen, als hier in Deutschland dafür zu sorgen, dass man die Ware Fahrer nicht importieren muss.
Denn eines ist sicher: So wie man sich damals darüber gefreut hat, dass der EKT weggefallen ist und man unter die Preise kloppen konnte, so sicher wird es auch sein, dass man Fahrer aus Drittstaaten nicht auf ewig bekommen wird. Denn auch die werden in die Welt tragen, wie hier in Deutschland mit Fahrern umgegangen wird.
Sei es an der Rampe oder sei es in den Speditionen.
Ich kenne genug Speditionen, die heute noch ihre Fahrer bis auf die letzte Minute so disponieren, dass sie nur die Kunden erreichen, aber nicht mehr den nächsten Parkplatz.
Fahrer aus Drittstaaten lösen nicht die Ursachen des Problems
Der aktuelle Bericht aus dem Soester Raum über eine Spedition, die Fahrer von den Philippinen anwirbt, mag ein Beispiel dafür sein, wie Unternehmen versuchen, dem Fahrermangel zu begegnen. Die Diskussion dahinter ist allerdings deutlich größer.
Fahrer aus Drittstaaten können Engpässe kurzfristig abfedern und offene Stellen besetzen. Sie lösen aber nicht die Ursachen des Problems. Denn solange sich an Wertschätzung, Arbeitsbedingungen, Rampensituationen, Zeitdruck, fehlenden Parkplätzen oder der Bezahlung nichts grundlegend ändert, ersetzt man am Ende nur Menschen – nicht die Gründe, warum so viele den Beruf verlassen haben oder ihn gar nicht erst ergreifen wollen.
Oder anders gesagt: Der Fahrermangel ist nicht vom Himmel gefallen. Er wurde über Jahre gemacht.